metropole

tausende autos auf den hauptstraßen, stadtein- und stadtauswärts. tauben, die nach brotkrümeln, und junge menschen, die nach importierter mode ausschau halten. die muffige luft und der schäbig gewordene glanz der metro. männer, die stehen bleiben. die meisten der frauen sitzen und nehmen den wenigen frauen, die keinen sitzplatz gefunden haben, die schweren handtaschen und einkaufsbeutel ab. sie alle atmen das flair der verbrauchten zeit; wenn sie sich nicht gerade unterirdisch befördern lassen, schreiben sie prüfungen und gedichte, kassazettel und verluste. manche können nur laut dem papier schreiben, das sich zeugnis nennt: es besagt, dass sie in der schule gewesen sind, obwohl sie stattdessen am elterlichen hof gearbeitet haben. die anklänge an klassische musik und daraufhin die stimme, die den namen der jeweiligen station ansagt: für ali, der da steht, eingepackt in seine dunkelgraue winterjacke und eingeklemmt zwischen zwei männern, die beide einen kopf kleiner sind als er und untersetzter, ist 20. janvar eine ansage wie jede andere. frida lässt die stimme – auch heute, mehr als zwanzig jahre später – zusammenzucken. ein unort, ein unaussprechlicher ort, an dem sie dennoch gewohnt hat. hat sie das? es ist folgendes zu bedenken: wie einer katze wurden frida sieben leben zuteil. eines hat sie mit ihrem auszug dort zurückgelassen. ein anderes blieb an einer kreuzung in mexico city liegen, zwischen einem autobus und einer straßenbahn. eines hat sie vertrunken, eines verraucht.

frida meidet den norden bakus: die pogrome gegen armenierinnen und armenier spielen sich immer noch in ihrem kopf ab, wieder und wieder in endlosschleife. jedes mal aufs neue, sobald sie das ehemals armenische viertel betritt. die gegend um die metrostation 20. janvar weckt ebenso persistent die erinnerung an den 20. januar 1990 – sie sieht noch immer die bilder von sowjetischen panzern, von toten auf den straßen … doch mehr noch als die bilder der schandtaten kehren jene der klage wieder: die nachbarin, die ihren mann, die freundin der mutter, die ihre tochter beklagte. tote, die auf küchentischen aufgebahrt wurden. der tod und die flucht. bilder der leere gesellten sich zu den klagebildern: auf dem markt der leere standplatz, dessen inhaber verschwunden war. bellas leerer platz in der schulbank. die leeren felder im klassenbuch – was er mit abgängigen schulkindern machen solle, die nicht wiederkommen würden, wusste der lehrer schließlich auch nicht. die leere schusterwerkstatt, der leere spielplatz (die mütter, die nicht geflohen waren mit ihren kindern, blieben lieber zu hause), die leere fläche, wo einmal eine kirche gestanden war. (frida) „andernorts sind es die moscheen, die nun fehlen“, hat mein vater einmal gesagt. nachdem ein großteil der armenischen bevölkerung die stadt verlassen hatte, war es nur eine frage der zeit, bis auch russinnen und russen, jüdinnen und juden ihre koffer packten und ihre wege sich zerstreuten – nach moskau, nach tiblissi, nach leningrad … baku war weniger bunt geworden innerhalb der vier jahre, die meine volksschulzeit ausmachten. dazu passend wurde schwarz zur modefarbe erklärt, als trüge die stadt trauer. die grellbunten farben der 80er hätten verlogen gewirkt, nicht mehr gepasst. frida mochte schwarz. in schwarz saßen die männer beim tee in der çayxana, in schwarz hängten die frauen schwarze und graue wäsche an den leinen im hof zum trocknen auf, in schwarz gingen die händchen haltenden paare ins kino oder trafen sich am bulvar.

richard fährt nur eine station von içərişəhər bis sahil – von der altstadt bis zum ufer. er hätte ebenso gut zu fuß gehen können, war aber zu träge dafür, als er nahe der station stand, die (vor allem von älteren menschen) noch gern baksoviet genannt wird. das stadtzentrum: der gegensatz zum 20. janvar und all den anderen rändern bakus. es zieht ihn nicht richtung meer, sondern in die neu renovierten einkaufsstraßen rund um das literaturmuseum. er hat in der gegend etwas zu erledigen. hier, wo kleidung in schaufenstern und an körpern den westen verspricht und selbst die fußgängerzonen sich schön gemacht haben wie männer und frauen vor einem fest. kirschrot lackierte laternen wachsen in gleichen abständen und gleichen geschwungenen formen aus dem asphalt. das fischschuppenmuster des fontänenplatzes – gefliest, nicht gepflastert, wie ein badezimmer. zwei kinder, die versuchen, nur auf die weißen fliesen zu treten. wenige meter von richard entfernt der mann, der nino nachsetzt und sie zwanzig mal um ihre telefonnummer bittet – das lächerliche an seiner verzweiflung entgeht ihm dabei. nicht weit von hier ist frida in einen laden gegangen, um ein hemd zu kaufen. che wartet in einer nahen teestube auf sie und raucht eine zigarette. wenn sie zurück ist, wird er eine kanne tee mit zitrone und dazu schokolade bestellen.

das zentrum verdrängt das hässliche und das unebene besser als die peripherie. die künstlich geschaffene mitte drängt in die randgebiete hinein, dehnt sich aus, ohne rücksicht auf verluste, aber dafür schön glatt. unweit davon die gegend, in der fuad, ali, che und frida wohnen. häuser und träume werden dort schneller abgetragen als kleidung. keine sandfarbenen bauten, keine fliesen, keine boutiquen. graue oder andersfarbig gestrichene häuser; aufgerissenes graues pflaster, aus dem hie und da gräser sprießen; eckläden und zitronenverkäuferinnen. die an manchen torbögen oder mauern angebrachten ornamente folgen keinem plan: fin de siècle, sowjetunion und graffiti haben ihre spuren hinterlassen. köpfe von löwen und schönen frauen, schnörkel, dazwischen einmal hammer und sichel. wände als mitteilungsflächen: sinnsprüche, kritzeleien, telefonnummern neben namen junger mädchen. hausnummern erzählen die geschichte des viertels und des landes. in der neuen stadtmitte die immergleiche kursive: straßennamen und zahlen laufen in ident geschnittenen lettern über den sandstein. hier hingegen: lateinische, kyrillische, dann wieder lateinische buchstaben; zahlen, die mithilfe einer schablone an wände gesprüht oder mit lack und serifen auf türen gepinselt wurden, mit kreidestrichen angedeutet, oder als blecherne blaue schilder mit weißen ziffern an straßenecken angebracht. auf manchen davon ist „dalan“ zu lesen – sackgasse.

 

nachtleben

aus einem haus ohne hausnummer – solche gibt es hier, wenn auch selten – tritt ali in die abendliche gasse. die liebe zur nacht und jene zu nino sind es, die ihn so spät hinaustreiben. da ist ein frösteln in seinem körper und ein klingeln seines telefons. nino und frida erwarten ihn in dem lokal, in das sie immer gehen, wenn ihnen nichts besseres einfällt. heute ist ihnen nichts besseres eingefallen. ali streicht durch die gassen und über den fontänenplatz. er zündet sich eine zigarette an und schenkt eine dem bettler, der ihm gefolgt ist. seine gedanken laufen ihm voraus, seine füße tragen ihn ans ziel.

das lokal ist voll. die drei männer an der bar, die fast synchron die zapfhähne betätigen; ein paar tanzende; eine gruppe von geschäftsleuten, die um einen tisch sitzen und ihren alltag noch nicht abgelegt haben. ein betrunkener deutscher. ein noch betrunkenerer engländer. die vielleicht sechzehnjährige prostituierte, die im kurzen weißen engelskleid in einer ecke neben einem mehr als doppelt so alten mann sitzt und an ihrer zigarette zieht. ihre augen sind mit kajal umrandet. sie ist so zierlich, dass er angst haben müsste, sie zu zerbrechen. ali findet frida und nino nicht, dafür steht richard, sichtlich betrunken, mit zwei männern an der bar. die beiden blicken zu boden, während sie miteinander sprechen, und bewegen die hände, als würden sie zeichen übertragen. später einmal wird nino sagen, richard spiele ein doppeltes spiel, es sei nicht möglich, herauszufinden, auf welcher seite er stehe – er sei mit faschisten bier und mit stalinisten tee trinken gegangen. frida wird ihn in schutz nehmen und antworten: „natürlich, und ich war bei pontius pilatus auf dem balkon …“ che wird, die linke augenbraue hochziehend, ergänzen: „… und ich habe von bulgakovs tellerchen gefressen!“ noch ist richard nino, die sich mit frida durch die menschenmassen bahnt, um auf die toilette zu gehen, ziemlich gleichgültig.

„aserbaidschaner und ausländer, ausländerinnen, strichmädchen und wir“, sagt frida zu nino. jedes mal ist sie aufs neue erstaunt, wie wenige hiesige frauen sich in nachtlokale wagen. aber hierzulande gelten frauen immer noch als schatten ihrer männer – und es ist doch unerhört, wenn sich ein schatten von seinem besitzer trennt und sich allein auf den weg nach draußen macht … (dass ein mann seinen schatten nicht mitnimmt oder gegen den eines anderen austauscht, wird allgemein akzeptiert.) nino holt ein papiertuch aus der halterung und trocknet sich die hände ab. frida zieht ihren lippenstift nach und fährt sich mit schnellen bewegungen durch die haare. „stimmt“, sagt nino, „war aber auch schon schlimmer.“ frida öffnet die holztür, die beiden drängen sich durch die menge und halten ausschau nach ali. es riecht nach rauch und parfum, nach schweiß und alkohol. menschen vor und hinter der glasfassade. alle zehn minuten taucht wie ein gespenst der rosenverkäufer auf, sein trauriger schnurrbart bewegt sich kaum, auch spricht er zu niemandem, zeigt nur seine ware, um gleich darauf zu verschwinden und wiederzukehren, unverrichteter dinge abermals abzuziehen. seine ständige wiederkehr fällt kaum auf in der generellen bewegung: menschen kommen, menschen gehen. sie trinken bier, tauschen grüße und neuigkeiten aus, eilen weiter, zurück in die nächtlichen straßen, in andere lokale.

die gruppe ist teil des nächtlichen treibens und als solcher auch nicht beständig: fuad kommt, erblickt einen guten freund in der anderen ecke des raumes, verschwindet kurz und kommt wieder. nino und frida wollen nach hause, sie verabschieden sich mit küsschen und winken; ali und fuad bleiben allein zurück. sie trinken bier, wollen neuigkeiten austauschen und müssen beide feststellen, dass sie keine haben, schweigen und blicken um sich. es zieht sie weiter in andere gaststätten und spelunken, an orte, wo es etwas zu erleben gibt, zurück auf die straße. aus einer haustür dringt musik. fuad drückt die klinke und folgt den tönen bis zu einer wohnung, in der offensichtlich gefeiert wird. schuhe türmen sich im vorraum. zur linken befindet sich ein saal, von dessen decke ein staubiger luster hängt. dort hat sich eine britische ölgesandtschaft versammelt. ein staunen: anscheinend besteht hutpflicht, alle tragen sie noble kleidung, die damen wie die herren, aber sie rauchen landtabak und selbstgerollte zigaretten, dazu trinken sie cider aus bunten plastikkübeln. ali und fuad verharren im türrahmen. beide vollziehen simultan eine hundertachziggraddrehung und nehmen durch einen weiteren türrahmen den ausschnitt einer anderen zusammenkunft wahr: eine amerikanische firma hat sich in einem zweiten, in etwa gleich großen saal niedergelassen und veranstaltet eine pyjama-party. cocktails werden von kellnern in tiger- und kellnerinnen in häschenkostümen serviert, immergrüne und enzianblaue luftballons und ebenso gefärbte lieder, stimmen trällern so zuckersüß, dass die beiden erschaudern. es ist kein bleiben hier, ebenso fluchtartig wie unbemerkt verlassen sie die seltsame wohnung.

wie verhext scheint ihnen die nacht: draußen angelangt, finden sie alle kaffee- und teehäuser geschlossen. auch die nachtlokale und trinkstätten haben ihre rollläden zugezogen, obwohl es noch recht früh ist. oder ist alis uhr stehen geblieben? nur eine kleine, verlassen wirkende bude hat geöffnet: mangels alternative treten die beiden ein. zwischen theke und spültisch ein schon fast schlafender kellner. in einer ecke ein piano, an dem ein älterer herr einfache melodien klimpert. an der wand ein roter vorhang. hinter diesem kommt ein kräftig gebauter mann mit schnauzbart und zylinder hervor. ihm blinzeln die augen, als blende ihn die sonne. ali und fuad mustern ihn. er könnte russe sein oder georgier, bestimmt ist er nicht älter als dreißig. fuad bestellt bier. dann füllt sich das lokal, durch die türe und durch die fenster kommen menschen herein, sie setzen sich an die tische, die im nu gedeckt sind mit bier oder wein, tee oder limonade. der alte spielt eine melodie an und der junge beginnt zu singen. er singt, als wäre er dazu geboren. alles lauscht, ein lied endet, ein weiteres wird angestimmt. nach einigen liedern und einigen runden (die vorher bier und wein getrunken hatten, haben auf vodka umgestellt) kommt dem sänger die stimme abhanden, nur der pianist klopft weiter in die tasten. das publikum hat hiervon allerdings nichts bemerkt, es lauscht weiter gebannt der musik und applaudiert nach jedem stück. die stimme indessen macht sich selbstständig, sie geht zur tür hinaus, klettert an einer regenrinne hoch, macht einen satz auf einen balkon, in eine wohnung, dort verhält sie sich leise (sie will schließlich niemanden wecken), zwängt sich durch den kamin ins freie, springt nun über die dächer und ist dabei ganz vergnügt. am nächsten morgen erzählen kinder ihren müttern, ihnen habe von einer schönen musik geträumt – so schön, wie sie selten zu hören sei.

(ali) irgendwie (wie und wann genau, weiß ich nicht mehr) muss ich heimgefunden haben, und jetzt, da ich neben nino erwache, meldet sich das verlangen, ihr alles zu erzählen: es spricht aus mir, berichtet von der feier, zu der wir nicht geladen waren, von dem gefolterten klavier und schließlich auch von der stimme, die ihren sänger verlassen hat – nino meint nur: „ali, du hast zu viel getrunken.“

 

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