der gebrauch von hieb- und stichworten

es gibt dinge, die sagen sich nicht gut durch die blume. verletzungen und letzte zurschaustellungen von machtverhältnissen: sie duften nicht nach magnolie und flieder. rosenkriege in eigenheim oder gemeindewohnung: wer ist da noch zimperlich bei der wahl der worte und der waffen? häusliche gewalt heißt ja auch nur hand ausgerutscht, strukturelle gewalt nennt sich schön problematik. frau oder man sagt ja auch migrationshintergrund für drei generationen: das rechtfertigt plätze in schulen, in denen nicht viel zu lernen ist, wohnungen der kategorie d und 3-d-jobs – dirty, difficult and dangerous. oft noch eine sogenannte sonderposition im betrieb: also ein atomisiertes subjekt zu sein im arbeitsprozess. mit vorausgesetzter eigeninitiative vulgo selbstausbeutung. karriere bei billa oder bella flora auch nur lohnarbeit. take it or leave it. es gibt nämlich keine halben kündigungen. gehen oder gegangen werden. mit oder ohne golden handshake: ab in die arbeitslosigkeit. oder bleiben, um charmant und freundlich an den festen des systems zu rütteln? eine streikdrohung mit einer pralinenschachtel oder einem nelkenstrauß überreichen?

paul ist ein fiktiver journalist bei einer zeitung, sagen wir kleinformat. oder beim fernsehen, einem staatlichen sender eines kleinen staates. oder einem privaten. vielleicht einem größeren, der in mehreren ländern hohe einschaltquoten erzielt. er sammelt nachrichten. schreibt sie um. ist aber nie vor ort. second hand news. frau oder man findet manchmal spuren von copy & paste, manchmal auch nicht. auf jeden fall erfordert es beobachtungsgabe, ihnen das übertragene anzusehen. das ist wie mit kratzern an gebrauchten möbelstücken oder mit mottenlöchern in kleidung vom flohmarkt. wichtig ist es, authentisch zu wirken. die richtigen wörter an der richtigen stelle und so weiter. paul kennt den jargon, den kleinformate und fernsehsender erwarten. in- und auswendig. allzu blumige sprache ist unerwünscht. außer für die frauensparte. er schreibt texte, welche die graphikabteilung ins layout und die druckerei aufs papier bringen wird. oder sprecherinnen von einem blatt vorlesen werden. er weiß, was er da produziert. irgendwann will er nicht mehr. es muss später nachmittag sein oder abend. zeit zum korrektur lesen. der stapel vor ihm. der mistkübel unter ihm. der kugelschreiber in der hand. heute wird radikal redigiert. serien-diebstahl: osteuropäische bande bande unbekannter herkunft auf der flucht (wenn jede spur fehlt und nur ein polizeisprecher vermutet, wieso soll die bande für die headline aus osteuropa kommen?). nächste seite: erneut sex-opfer opfer sexualisierter gewalt in feriendorf (fokus auf gewalt). ein traum in weiß im designerkleid: die märchenhochzeit aufwändig arrangierte eheschließung des dänischen königspaars (wozu den royal-kitsch weiterverbreiten?). gewaltbereite demonstranten hinter dem burgtheater wurde friedlich demonstriert. nach den headlines kommen die fließtexte. durchstreichen, umschreiben, neu recherchieren, ungewisses weglassen. unter jeden artikel schreibt paul seine quellen: apa, twitter, eigene beobachtung, gespräch mit einem augenzeugen, online-interview mit einer expertin. auf seinem schreibtisch hinterlässt er eine notiz: ich kündige. als fiktiver journalist fällt ihm das leicht. fiktive arbeitsplätze finden sich wie sand am meer.

petra ist eine fiktive romanheldin oder auch heldin einer kurzgeschichte. eigentlich nicht heldin. sagen wir figur. oder protagonistin. handlungsträgerin. hauptfigur. randerscheinung. und weil petra ein allerweltsname ist, kommt sie in vielen stories vor. petra handelt, aber eigentlich wird eher mit ihr gehandelt. in den erzählsträngen und auf dem buchmarkt. meistens verkauft sich petra allerdings schlecht. steckt in ladenhütern fest, wird verramscht oder gar makuliert. oder von einer autorin, die das verhindern will, aufgekauft. 243-fach. steht dann in deren regal herum und bringt die bretter dazu, sich zu biegen. aber das handeln mit petra beginnt schon in der phase der textproduktion. eine schreibschulabsolventin aus gutem hause jagt sie ohne ersichtlichen grund dreimal wöchentlich zur psychotherapie, lässt sie nudefarbenen lippenstift auftragen und stundenlang überlegen, wie sie paul an sich binden könnte. der text einer anderen autorin lässt sie verzückt erscheinen, als ein anderer paul mit einem strauß roter rosen vor ihrer nase herumwackelt. nachdem er das redaktionsgebäude spätabends verlassen und sie sich eine blasenentzündung geholt hat vom warten in der kälte. ein ganz junger slammer macht sie zur dicken tussi mit zwei warzen im gesicht: tja, um versichert zu sein, wenn ich sie besteige, bin ich dann dem alpenverein beigetreten. ihre brüste habe ich großglockner und großvenediger getauft, ihre warzen enzian und edelweiß. petra schämt sich, und um die scham zu minimieren, trinkt sie einen doppelten martini – aber das ist schon wieder eine andere story. in der arbeitet sie gern, eigentlich gern. wäre da nicht diese unbestimmbare distanz ihrer kolleginnen (nenn es doch mobbing, denkt sich petra). ihre familie ist (wieder einmal) herzlich, aber schwierig. und ständig diese undurchschaubaren blicke. vagen andeutungen. halben gefühle. geschönten sachverhalte. sie ist auch diesmal opfer, aber das wird nicht direkt ausgesprochen. für den nächsten autor ist sie dekor und lustobjekt. für die männliche hauptfigur sowieso: eigentlich wehrte sie ab, als ich mit ihr schlafen wollte. doch ich wusste, dass ich das durfte. als ihr geliebter durfte ich sie lieben, wann und wo ich wollte. ihr stöhnen, das schnell einsetzte und immer lauter wurde, gab mir recht. petra hat genug – sie sucht in all den geschichten nach harten worten oder küchenmessern zur gegenwehr. leider findet sie weder das eine noch das andere. aber weil poetologisches schreiben wieder in mode ist, stolpert sie über einen bleistift. den sie nützt, um sich aus textuellen bezügen zu entfernen: […] großglockner und großvenediger getauft […] gern, eigentlich gern […] ihr stöhnen, das schnell einsetzte […] die deleaturen sind vollbracht. petra sucht die verbliebenen textstellen nach einer schreibmaschine und einem tisch ab. wird fündig. setzt an, ihre geschichte selbst zu schreiben. sie wird aber nicht fertig damit.

es gibt dinge, die werden lieber durch die blume gesagt. petra ist durch einen unglücklichen zufall von uns gegangen, verschieden, ruht sanft. es gab eine schöne totenrede und genügend florale abschiedsgrüße, auf dem sarg arrangiert oder ins grab nachgeschmissen. sie hat es nicht geschafft, paul rechtzeitig an sich zu binden, sonst hätte er korrigieren können: durch äußere gewalteinwirkung gestorben. die familie achtet genauso penibel wie ihre privaten und beruflichen kontakte darauf, dass mord und machtverhältnisse nicht thematisiert werden. schon gar keine emanzipationsversuche an die öffentlichkeit geraten. die geschichte, die petra schreiben wollte, in der schublade bleibt – sie könnte unerwünschte hinweise enthalten. dass keine zweifel aufkommen über die unabänderlichkeit des schicksals und das finanzielle diskret behandelt wird. auch die autoren und autorinnen, die sie immer wieder durch ihre bücher huschen ließen, schaffen es zu schweigen. nicht zu hinterfragen, warum petra ausgerechnet in einen krimi geraten musste. noch dazu einen krimi von einem no-name. ein migrationsroman wäre ihr besser bekommen. tragisch, aber natürlich auch komisch genug, um niemanden zu verschrecken. ein bisschen politisch, aber nicht too much. vielleicht auch ein ratgeber für erfolg im beruf. oder eine love story mit happy end.