rechnungen

weiße pferde im kühlschrank und in halbvollen kaffeetassen, die seit tagen eine versammlung auf dem küchentisch abhalten. wenigstens keine weißen mäuse und keine kalten truthähne, die manchmal die ikea-küchenzeile der nachbarwohnung auf- und abspazieren. zu ihr sind sie noch nicht herübergewandert. besetztzeichen am telefon und am gangklo. lemminge auf dem fensterbrett, monster in schubladen und liebhaber in kleiderschränken. körper an eingemotteten mänteln, gebügelten blusen, knie- und bodenlangen kleidern wie nackte schaufensterpuppen, die sich in lagerräumen stapeln. männerfüße zwischen fusselrollern und lavendelsäcken, verdächtiges knarzen oder anstrengende reglosigkeit. zwei weingläser auf dem beistelltisch, dazwischen eine halbleere flasche rotwein. ein fleck auf dem weißen tischdeckchen. sex auf dem sitzsack und langeweile auf dem sofa. spinnennetze voll lügen und intrigen auf der facebookpinnwand. auf dem schreibtisch neben dem fester zur welt ein modekatalog und ein programm fürs sommerkino. aber auf dem bankkonto die rote zahl. über die stuhllehne gehängt das schwarze kleid, das immer noch darauf wartet, gewaschen zu werden. mit allem hätte sie gerechnet, aber nicht mit dem raben, der seit neuestem im hof nistet. mit dem krächzen des totenvogels mitsamt seinen jungen, die ab den frühen morgenstunden munter in den höllenlärm miteinstimmen.

mit allem hätte sie gerechnet, nur nicht mit dem raben und auch nicht mit dem gerichtsvollzieher, der eines morgens läutete und dem sie, noch im schlafgewand, die türe öffnete, weil sie ihn für den nachbarn oder den postboten hielt. erwartungshaltungen können unglück bringen. aber auch postboten können unglück bringen: rechnungen, partezettel, briefe, von denen es besser ist, sie nie empfangen zu haben. dem postboten macht sie trotzdem immer auf. die bösen überraschungen sind flach genug, um in den postkasten zu passen. bis an die haustür gebrachte pakete hingegen versprechen großes oder kleines glück. nun stand an diesem 6. dezember stattdessen der gerichtsvollzieher da, wie ein krampus, der vergessen hatte, sich zu verkleiden. er drückte ihr den bescheid in die hand, eine alte rechnung, die sich für ihr vergessen rächen wollte und sich zu diesem zweck multipliziert hatte. das rabenvieh oder die mäuse von nebenan hätten ihr beistehen und den mann mitsamt der rechnung verjagen sollen, zumindest bis anfang januar oder bis weihnachten, aber auf tiere ist eben kein verlass. selbst der kampfhund von oberhalb scharrte nur munter an der türe und bellte ein bisschen. also schadensminimierung: gewinnbringend lächeln und den verlust herunterhandeln. er sei aber nicht zuständig für den erlass der zusatzkosten. selber schuld, persönliches pech, kein mitleid! die rechnung hatte ihr ungefähr so gefehlt wie hundescheiße am schuh, leere in der kaffeedose oder wahlkampf in wien. schweißflecken zeichneten sich ab durch das hellblau des schlafgewandes. wenigstens war dem kerl die situation offensichtlich nicht viel angenehmer als ihr. er aber würde sie abends ablegen und nachts durch ihre träume geistern wie letztens der kontrolleur, der sich in den hausflur verirrt hatte und munter nach fahrscheinen fragte.

und er würde kommende woche wiederkommen, spätestens übernächste – firmen wollen auch ihre weihnachtsgeschenke! – und den kuckuck auf ihr bücherregal und auf ihren wäschekorb kleben. sie würde noch die schmutzigen kleidungsstücke herausfischen (obwohl: mit denen ließe sich vielleicht viel geld machen, es soll ja in jedem gemeindebezirk hunderte perverse geben, die dunkelziffer nicht eingerechnet) und ihm dann hinterherschauen, wie er ganz alleine das bücherregal die stiegen hinuntertrüge, dem sich über ihn ergießenden bücherregen tapfer standhaltend. die nachbarn würden kommen und ihn beim hinaufgehen für einen liebhaber in freudiger erwartung, beim beladenen hinunterhechten für einen einbrecher halten. manche würden seine profession erahnen und ihre türen verriegeln. er könnte aber auch von einer grippeepidemie heimgesucht werden, bis zum heiligen abend im bett liegen, taschentücher vollrotzen und sich von seiner frau gesundpflegen lassen.

wenn ein tier zur linken seite eine futterquelle oder ein weibchen sieht und zur rechten einen feind oder eine andere bedrohung, dann weiß es nicht, was es tun soll und wählt plan c: es putzt sich. sie wartete, bis er weg war, ging ins badezimmer und duschte. die seepferdchen auf dem duschvorhang hatten sich streicheleinheiten und wassertropfen genauso verdient wie sie. zwischen den tuben, flaschen und flakons die aufgeweichte zeitung der vorigen woche. kalk auf dem duschkopf und der armatur. zusammengeknotete haare im abflusssieb wie die miniatur eines verhedderten wollknäuels. der spalt, durch den die kalte luft ins badezimmer drang und der rhythmus von schlagzeug und keyboard aus dem duschradio. war da nicht noch ein geräusch? die mäuse? vor der eingangstür im flur ein ausgesetztes kind, ein hundewelpe, ein rosenkavalier? oder ein junger mann, der einen dauerauftrag für einen guten zweck haben wollte? die zeugen jehovas? das pochen kam allerdings nicht aus der türrichtung. ein blick nach draußen, durch das milchglas tönend und als schwarzer trichter auch sichtbar: das klopfen des rabenschnabels an der fensterscheibe.