gegen die vervalentinung des internationalen frauentags, 8.3.2011, baku

möchte pro rose dem schenker eine distel retournieren und wer es wagt, mir ein schleimiges kompliment zu machen, dem werde ich einen dreckigen putzfetzen hinterherwerfen

als dank für all die unbezahlte mehr- und hausarbeit eine schachtel pralinen? unerwünscht! nein, nicht weil ein bouquet aus brot und rosen bestehen sollte, auch nicht, weil sie dick machen

streichle jedes meiner 8 zugenommenen kilos zärtlich und gratuliere ihnen zum 8.märz

aber was dank? wozu? wieso? dank? und dann kann gleich vorgespult werden zur alltagsroutine, so die fernbedienung gefunden wird (das romantische zwischendrin ist ziemlich langweilig, es darf übersprungen werden, das ist dann nicht so zeitintensiv, und sexuelle revolution würde mehr bringen als ein schlechter softporno)

die uhren ticken hier anders

(tun sie das wirklich?)

und die prostituierte an der straßenecke hat heute viel zeit mit ihrer vergoldeten plastikuhr zu spielen – mann schläft heut zu hause bei seiner frau, aber halt: darüber spricht man nicht! was sprechen? auch noch sprechen wollen? reicht es denn nicht, dass ihr in kurzen röckchen aus tüll und seide und mit sündhaft rot bemalten lippen durch die straßen wirbelt

wie der staub, den die putzfrau mit den glitzerroten lippen und dem schäbigen mantel gemeinsam mit valentins- oder muttertagsresten, diesen schleifen und abgefallenen rosenblättern, all dem überzähligen grünzeug auf ihre schaufel fegt?

zu wenig lohn wird sie dafür sicherlich bekommen, fürs notwendigste reicht es vermutlich meistens dann doch… sie, die sie sich trotz ihres alters flink und grazil bewegt, denkt sie wohl an brot und rosen, während sie den kitsch auf den müllhaufen befördert?

 

101 jahre frauentag, 8.3.2012, cluj-napoca / kolozsvár / klausenburg

frauen, die einen prinzen gefunden haben und sich nun stehen und gehen lassen: an herden, in waschküchen, auf balkonen, die kinder von der schule abholen, aufs postamt, zum wochenmarkt

und ich gehe auf schusters rappen durch die stadt, allein

wie diese langstieligen phallussymbole namens rosen, die immer einzeln verpackt erst mit den schenkern und dann mit den beschenkten mitgehen. mehr lohn in den geldtaschen: wir würden sie uns selber kaufen. ein misslungener toast auf das schöne geschlecht: statt pentru sexul frumos zu sagen pentru sexul. würde lieber auf guten sex trinken als auf die schönheit der frauen – was ist denn schon schön?

lasse meinen damen- wie schnurr-, schnauz- und dreitagebärte stehen,

nehme die schalen von den brüsten und streife den slip ab, steige unter die dusche und masturbiere, halte inne / höre laute wie von einem buntspecht, aber vermutlich nur ein klopfen an der tür, etwas in mir fragt, ob wieder demonstriert wird heut abend und ob ich vergessen habe, rucola zu kaufen –

andere essen nichts als kraut und kartoffeln

schwarz auf rot: die nackte frau, deren bildnis neben kruzifixen und plastikblumen vom innenspiegel baumelt und den taxifahrern die sicht verhängt

kaffee und schokolade, baldrian und benzos, blickneurosen wandern von postfach zu postfach, fiona svarovski will mir zu geburts-valtentins-frauentag ein armband mit glitzersteinen schenken. danke nein, ich verzichte!

mit vorzüglichster hochachtung,

und ehe ich mein ruhloses herz einem prinzen schenke, werde ich es am wochenmarkt feilbieten, irgendjemand wird daran gefallen finden oder es schlimmstenfalls als suppeneinlage gebrauchen

 

kommerzieller frauentag in pixeln, 8.3.2013, auf streifzügen durch das internet

mein e-mail-account zeigt mir rosen, chlorophyll- und spritzmittelfrei, aber schön rot sind sie – die farbe der liebe (und der revolution, aber das wollte die graphikabteilung wohl nicht aussagen).

die generalsekretärin der österreichischen wirtschaftskammer verkündet, heute sei ein tag des feierns: jedes dritte unternehmen werde bereits von einer frau geleitet. wir sind jedoch zur feier nicht geladen. für das prekariat gibt es nichts zu feiern, für das prekariat gibt es nicht einmal anspruch auf krankenstand.

tina arbeitet deshalb. annalisa arbeitet deshalb. ich arbeite deshalb und obwohl

mich der netdoktor dankenswerterweise darüber aufklärt, dass körperliche anstrengung während eines grippalen infekts zu einer herzmuskelentzündung führen kann.

die herren übrigens sollen sich gut benehmen und ihren liebsten zumindest einen blumenstrauß schenken, wenn nicht den elektronischen mode-, tratsch- oder diätbegleiter fürs smartphone;

diäten seien wichtig, um sich in form zu bringen, denn schlank ist schön –

schön, klug, erfolgreich: angela merkel, heidi klum, susanne klatten und so weiter und so fort. leitbildern folgen: wo keine väterliche hand, so führen geld und schönheit die braut zum traualtar (luxus ist so begehrt wie die femme fragile, sei so zart, als könntst du jeden moment zerbrechen):

schleierkraut ziert deinen brautstrauß sowie das bouquet, das sie dir ins grab nachschmeißen. heiraten kannst du öfters. zu grabe getragen wirst du nur einmal. also sei nicht traurig, wenn dich dein streben nach schönheit oder erfolg umbringt: noch die herren von der bestattung werden deine perlenkette bewundern oder erstaunt 90–60–90 sagen,

nachdem sie dir die maße für den sarg genommen haben.

 

women’s day and grossly material things, 8.3.2014, in einem zimmer für sich

ein muss: money and a room of her own if she is to write fiction / all die störungen ansonsten: fernseherflimmern, love songs aus dem radio. dogs will bark, people interrupt, ein anruf vom arbeitsamt, money must be made – ein stapel korrekturfahnen zieht energie ab und bringt 100 €. judith hat talent und ziele;

judith braucht wohnraum und schwarze kontozahlen.

job, wohnen, zu zweit / für 400–800 netto: daf-kurse halten oder tellerwaschen / für kleiner gleich 400 pro monat: ein straßenseitiges lager oder ein durchgangszimmer in einer wg / sich einlassen auf lebenslustigen er, 42/182, situiert, sportl., romant. kennwort: romeo? nach zwei jahren ehe: romeo loswerden, a pen in her hand or a pickaxe

oder aber sie bittet shakespeare um hilfe – schaffe er ihr nur romeo vom hals und garantiere ihr

dignity: offspring of luxury and privacy and wealth.

but shakespeare renounced her as his siblinginstead: war er christa reinigs einladung zum essen gefolgt. thema des tischgesprächs mit hitchcock und freud: anatomie und schicksal.

the turkey was delicious. aber das ist selbstverständlich.

judith hat keine zeit für freud und hitchcock und keine zeit zu überlegen, ob anatomie schicksal ist. never an half hour that she can call her own / arbeit, haushalt […] telefonate, besorgungen […] familie, bewerbungen […]

stattdessen im schreibzimmer sein: keine automatische benachrichtigung, keine arbeit auf abruf – ein ausgeschaltetes mobile phone, eine volle tasse kaffee –

und ein stapel papier

 

blaupause fräuleinwunder, 8.3.2015, zur verortung eines begriffs

wunder: oder nur ver-wunderung über diesen terminus? / schließlich ist es kein wunder, dass frauen romane schreiben // zeitreise und ortswechsel von 14 buchstaben und 1 schublade –

susanne erichsen, botschafterin der deutschen mode (1950 ff.):

die zweite miss germany nach dem 2. weltkrieg / mit hermelin, schärpe und krönchen versehen (und bald auch mit dem neuen etikett) // in den USA verdiente sie 100 $ die stunde

fräulein lufthansa christiane schmidtmer (40 – 26 – 38):

mit 1 rosa handtuch umwickelt in boeing boeing (produced in nineteen-sexty-sex); ihre rollen in b- and c-movies // wann landen die körpermaße von autorinnen auf buchcovers und literaturportalen? 38 inches: ein knapper meter / body turn, auch ohne angabe diverser umfänge: suchmaschinen; inszenierungsprozesse im öffentlichen medienkontext

karen duve im bademantel (der spiegel, 12/1999):

bestsellerprosa mit erstaunlicher intimkenntnis der männlichen psyche // volker hage definiert das fräuleinwunder: es ist / sie sind [?] augenfällig; ohne angst vor klischees und großen gefühlen, mit spaß an guten geschichten und wiedergewonnener naivität

mannequins, schauspielerinnen, schriftstellerinnen: hauptsache highly promotable

thomas schäfer-elmayer über die anrede von kellnerinnen: das ist ihr problem mit versal geschriebenem i / fremdzuschreibungen sind also privatsache und folglich von privatpersonen in die hand zu nehmen. als lösungsansatz anzudenken:

40 werden u. 50 kilo zunehmen / 3 kinder in die welt setzen / 1 lynchmord begehen / den nächstbesten dreckskerl ehelichen / stets die herrentoilette aufsuchen / über politik schreiben