elefanten häuten

heute morgen, vor dem weg hierher, den roten lippenstift aufgetragen wie gestern – nur: gestern hat er ein bisschen frische in mein müdes gesicht gebracht; heute sah das ergebnis in etwa so aus, wie wenn tote geschminkt werden. stehe jetzt im aufzug und lasse den hürdenlauf biographie, alle hindernisse und spießruten revue passieren. mein cv liest sich, vorausgesetzt ich formuliere ihn ehrlich, in etwa so: kindergarten / volks- und hauptschule / hak // zwei abgebrochene studien // nebenjob in einem wettcafé / vorläufige endstation büro, wagramer straße 21, dritter stock, zimmer 27, nine to five, freitags nine to two. gleitzeit. frau buchinger steigt zu, will mich in ein gespräch verwickeln. silbengeplänkel. vorgeformte körbchen unter der zu engen bluse, hellrosa lippenstift, dunkelbraun umrandet. penetranter parfumgeruch. ich denke an den spruch, den vor einigen wochen ein scherzbold mit schwarzem edding an die lifttür geschrieben hat: sei freundlich zu den leuten auf dem weg nach oben, du wirst ihnen auf dem weg nach unten wieder begegnen. die mitteilung wurde nach einem tag gelöscht. das war im dezember, da dachte ich mir noch: möge die manische phase bis mitte märz anhalten. bis zu den nächsten paar urlaubstagen. mittlerweile geht es auch ohne manie ganz gut, zumindest gut genug, um frau buchinger auf die nase zu binden, es gehe mir gut.

ich komme ohne sie zurecht, ohne manie, ohne frau buchinger, komme allein zurecht mit den hinweisschildern auf dem klo, mit der schreibtischlade, der stickigen luft und den bilderrahmen: delfine, marienkäfer, kinder, … manchmal komme ich auch mit den kolleginnen, den kollegen zurecht. und mit der kaffeeküche, die nicht nur wegen des wasserhahns den zweck einer basena erfüllt. hier wird geschaut und getratscht, es wird wasser geholt und schmutzige wäsche gewaschen. tina eilt herbei, sie hatte eben einen arbeitsunfall: die ränder der kaffeetasse auf der weißen schreibtischplatte. der gelbe wettex leistet rechtzeitig erste hilfe. anna, sei so nett … schick mir bitte die belege bis morgen früh … wäre nett, sie gleich weiterleiten zu können. und schon ist sie weg samt wettex. nett ist die kleine schwester von scheiße. martha kommt zur tür herein, die kleine pummelige martha mit den schwarzen haaren, die kerzen anzündet, wenn sie zu später stunde allein im büro ihr abendessen zu sich nimmt, und die anstatt die pizza aus dem pappkarton und den salat aus der styroporschachtel zu essen hierher kommt um porzellanteller und besteck zu holen. sie grüßt mich nicht. obwohl sie nicht telefoniert. und sie meine anwesenheit bemerken müsste, spätestens jetzt, wo ich durch klingendes hantieren mit tassen und löffeln auf mich aufmerksam mache. und ich rede mir ein, dass ich auf herzlichkeit nicht angewiesen bin.

gebe zwei würfel zucker in die schwarzbraune flüssigkeit, rühre um und blicke auf den strudel, der sich in der tassenmitte bildet. fahre mir durchs haar und zähle bis zehn. bis zehn zählen hilft immer, das half schon in der volksschule und im wettcafé. die zahlen nicht vergessen zu haben heißt noch bei klarem verstand zu sein. noch nicht ganz durch den wind. und wenn schon nicht deren gedächtnis, so sollte ich mir doch die dicke haut der elefanten zulegen. einen elefanten häuten: dafür muss man oder frau über leichen gehen und das kann ich nicht. vielleicht kann ich zurück ins wettcafé? das war wenigstens nicht ekelhaft und steril zugleich. der geruch nach abgestandenem rauch und die vertrunkenen gesichter machten niemandem etwas vor. dass es bei den wetten mehr zu verlieren als zu gewinnen gab, wussten sie alle – es wollten sich nur nicht alle eingestehen … hier täuschen die bunten bilder, die alltagsgegenstände, die so an ihrem platz wirken: bleistifte in ihren haltern und stiftröcke an den beinen vorbeigehender mitarbeiterinnen, desinfektionsmittel neben klopapierhaltern und in handtaschenformat hinter der computertastatur. alle bearbeiteten akten in der einen ablage, alle zu bearbeitenden in der anderen. möchte mich am liebsten ebenso ad acta legen, arbeite aber weiter, abwechselnd ein dokument zur hand und einen schluck kaffee in den mund nehmend. per knopfdruck befehle ich der maschine, die liste auszudrucken. sie druckt nicht, das weiße papier ist aufgebraucht.

ich muss in den fünften stock, um einen neuen stapel zu holen, heiße die verschnaufpause willkommen, betrachte mich, im aufzug stehend, im spiegel. meine libellenhaut: nicht nur dort, wo der körper laut anatomieatlas durchlässig wird, die haut sich in schleimhäute verwandelt, ist einzig ein filigranes netz ausgebreitet, als bestünde ich zur gänze aus augen und nasenflügeln. brigitte hat mich letztens auf das kleid angesprochen, das ich heute trage: sandfarben mit dieser kleinen schwarzen samtschleife und den winzigen pünktchen, knielang. sie hätte es auch haben wollen, aber leider wäre es in small ausverkauft gewesen … mein spiegelbild schüttelt den kopf, es versteht nicht, warum frauen lügen, was ihr alter oder ihre kleidergröße betrifft. kein problem mit zweiunddreißig und vierzig – umgekehrt wären mir die beiden zahlen nicht lieber. das gespiegelte ich lacht, hält inne, überlegt: vielleicht bringt das alter ja die fähigkeit, sich mit ihm zu arrangieren? ein blick in mein seitenverkehrtes gesicht. sich jetzt in eine mücke verwandeln, flug- und stechbereit …

stattdessen auf zwei beinen zurückgehen ins büro, vorbei an schwarzen hosen und weißen kragen, an aufgehängten mänteln und computerprogrammen. die vorstellung, wie sich die eine besitzerin oder der andere besitzer selbst dazuhängt. wie einzelne garderobenhaken herunterkrachen. schnürchen abreißen. gürtel enger werden. ich schließe die tür. mein chef tritt ein ohne zu klopfen. sein blick verrät, noch bevor er den mund aufmacht, dass er etwas von mir braucht. diesmal ist es die überprüfung der bilanz vom vorigen quartal. bis übermorgen. für mich heißt es wieder einmal: leben im zeitraffer. zeit stehlen. lebenszeit. aber es ist ohnehin klug, vorzusorgen, darauf hinzuleben, vor den anderen einen abgang zu machen. die beste zeit zu gehen ist, wenn es am schönsten ist, wie es so schön heißt. mich verausgaben bis zum umfallen: damit hätte ich noch kein problem. ein problem habe ich damit, dass nicht ich es bin, die entscheidet, wofür. er wird bald feierabend machen und ich schneide einen bogen papier in vier diagonal verlaufende streifen, mit einer kleinen stumpfen plastikschere, gerade scharf genug, dass sich mit ihr auch eine krawatte vierteln ließe. lehne mich in meinem drehstuhl zurück, schließe die augen, drehe ein snash-movie im kopf und den chef durch den fleischwolf.

der film ist zu ende und es ist die arbeit, die wieder aufgenommen wird. nun sind es sekunden-, minuten- und stundenzeiger meiner kleinen schwarzen uhr, die sich drehen. ich notiere nicht, wie schnell und wie oft sie sich im kreis bewegen. den unregistrierten uhrzeigersinn unterbricht eine fehlermeldung. die uhr geht weiter, aber der mauszeiger regt sich nicht mehr. absturz. verflucht! zwischengespeichert? ja? nein? wann? an meinem handgelenk lese ich achtzehn uhr. die aktuelle arbeit angefangen habe ich um drei. gespeichert habe ich nicht, gar nicht. schaffen muss ich es trotzdem, bis übermorgen. was, wenn ich stattdessen die nerven wegschmeiße und den blumentopf gegen die wand? dem chef meinen abschied mit tixo an die glastür klebe? hiermit beendige ich unter einhaltung der gesetzlichen kündigungsfrist … oder durch den türschlitz schiebe? halt! jetzt kündigen: schlechte strategie. ausrasten: noch schlechter. besser, noch zwei tage durchzustehen und dann in krankenstand zu gehen. aber nervenzusammenbrüche richten sich nicht nach terminkalendern. der wunsch, sämtliche büroutensilien in den mistkübel zu befördern und den rechner aus dem fenster. ersatzhandlung: kaffee holen. oder lindenblütentee, falls noch welcher da ist. das schwarz-weiße karomuster in der kaffeeküche, auf einem schwarzen feld steht martha. sie geht gerade auf stefan zu, der am küchenregal lehnt. er weicht aus, zwei felder nach links. ich betrete das mittelfeld, zögere, und als martha zurücktritt, mache ich zwei schritte richtung vorne links und hole meine tasse aus dem schrank. es klebt schmutz am oberen rand oder kaffee. am absatz kehrtmachen. ich bin kein elefant. elefanten sind schlechte läufer.

läuferin? ja, das ist es, das bin ich. es juckt mich in den fersen. bilanz hin oder her – ich will weg von hier, hinein ins leben. und wenn mich die flucht ins wettcafé zurückführt, heute abend werde ich mich vergnügen. top, die wette gilt! nichts versäumen, nicht nochmals heimfahren um zu duschen und mich umzukleiden, hinaus aus dem office und hinein in die nächstbeste diskothek. ich entledige mich auf der damentoilette meiner kleider, zum glück ist am vormittag die bestellung aus dem modekatalog im büro eingetroffen. häute mich aus meiner strumpfhose, vorsichtig, um nicht an der klobrille anzustreifen (wobei mir heute selbst das egal wäre), hänge sie auf die türklinke, ziehe blaue leggings an und das kurze, bunte blümchenkleid, das noch nach chemikalien und fremden deodorants riecht, eile zurück ins office, suche lidschatten und lippenstift, lege sorgfältig mehrere schichten über meine gesichtshaut, blicke zur kontrolle in den spiegel. werfe mir einen roten kussmund zu. alleine tanzen gehen, zum ersten mal seit langem. oder zum ersten mal im leben. das wissen um die besonderheit des abends: meine partydroge. schon bin ich auf der straße, stehe zwischen u-bahn und bushaltestelle. es beginnt zu nieseln. das bisschen wasser auf der haut macht mit nichts aus. im gegenteil.

die diskothek liegt ebenerdig. der boden hat kein karomuster, niemand trägt schwarze anzughosen oder weiße hemden. außer dem rauch liegt noch ein schwingen, ein knistern in der luft. elektronische musik vertreibt düstere gedanken. in kombination mit trompeten und schrägen frauenstimmen macht sie übermütig: ich tanze. gehe schnurstracks zum dj und wünsche mir eine zweite nummer derselben gruppe. er spielt sie, für mich. ich tanze weiter, trinke ein bier, stehe schlange vorm klo und komme mit zwei mädchen ins gespräch. beide sind gut zehn jahre jünger als ich, tragen enge rote jeans und bunte blusen. eine davon hat kurze, schwarz gefärbte haare und einen hübschen mund, dem das lächeln leicht zu fallen scheint. sie erinnert mich an die kleine schwester, die ich gern gehabt hätte. wir sprechen über schlangen vor damentoiletten und über musik. zum abschied küsse ich ihre wangen, einfach so. der abend ist schließlich anders. ich fühle mich stark, mir ist danach, aufs ganze zu gehen. heute muss ich goliath bezwingen und david verführen. und das soll mir so leicht von der hand gehen wie eine bilanz, ein häkelschal oder pasta con pesto. vielleicht ist es der an der theke, mit der zigarette im mundwinkel und den dunklen augen? ich mustere ihn. fast zu sehr klischee um wahr zu sein. aber ich sollte ihn nicht zu früh ausmustern. er nimmt sein telefon aus der jackentasche, scheint mit einem freund zu telefonieren. ich studiere seine gesichtszüge, die kleinen bewegungen seiner hände. er lacht, als lache die ganze welt mit ihm. zwischendurch schaut er wiederholt in meine richtung. ich brauche nur weiter zu tanzen, sein blick wird mir folgen. sein blick folgt mir und mit ihm er selbst – auf die tanzfläche, zurück an die bar, durch den regen bis nach hause.

morgen früh wird er dann angekleidet vor mir stehen und ich werde mit daumen und zeigefinger ein haar meines venushügels von seinem hemdkragen zupfen. elefantenborste.